Verantwortung beginnt hier und jetzt
Zur Zukunft der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum
Am 18.12.2025 diskutierten wir im Rat der Stadt Varel leidenschaftlich über Straßennamen und Denkmäler, über Hindenburg, Bonte und die Verantwortung gegenüber der Geschichte. Es ging um Erinnerungskultur und um die Frage, wie wir mit der Vergangenheit umgehen.
Einen Tag zuvor, am 17.12., stand für mich eine andere, ebenso grundlegende Frage auf der Tagesordnung: die Abstimmung über den Kreishaushalt in Horumersiel – und damit über die Zukunft der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum. Auf den ersten Blick ging es um Zahlen, Haushaltsansätze und Programme. Tatsächlich aber ging es um nichts weniger als die medizinische Versorgung der Menschen in unserer Region.
Strukturelle Ursachen und politische Versäumnisse
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Friesland-Kliniken sind kein Versagen einzelner Abteilungen – und schon gar nicht der Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Varel. Sie sind in hohem Maße Ausdruck einer strukturellen Unterfinanzierung vieler kommunal getragener Krankenhäuser. Das derzeitige Finanzierungssystem deckt reale Kosten nicht ab. Steigende Tariflöhne, Energiepreise und Personalkosten verschärfen diese Situation zusätzlich.
Gleichzeitig müssen wir ehrlich bleiben: Nicht alle Probleme lassen sich allein auf das System schieben. Es fehlt zu oft an strategischen Konzepten, an Innovationsbereitschaft und an politischer Gestaltungskraft – auf Bundes-, Landes- und auch auf kommunaler Ebene.
Alte Antworten auf neue Herausforderungen
Zu lange wurde versucht, die Probleme von heute mit den Lösungen von gestern zu beantworten: Sparen, Schließen, Zentralisieren. Diese Logik greift jedoch immer weniger – insbesondere in einer alternden Gesellschaft, im ländlichen Raum und unter den Bedingungen eines zunehmenden Fachkräftemangels. Sie löst die Probleme nicht nachhaltig, sondern verschiebt sie zeitlich und räumlich.
Gerade deshalb braucht die aktuelle Krankenhausreform einen Perspektivwechsel. Sie darf nicht auf eine reine Zentralisierung stationärer Versorgung reduziert werden. Erforderlich ist stattdessen eine funktionale Arbeitsteilung innerhalb regionaler Versorgungsstrukturen.
Frauenheilkunde und Geburtshilfe als Teil der Daseinsvorsorge
Hochspezialisierte Leistungen gehören in leistungsfähige Zentren. Gleichzeitig muss wohnortnahe Versorgung als bewusste Satellitenstruktur erhalten und weiterentwickelt werden. Für Frauen in Varel, im Landkreis Friesland und in vergleichbaren ländlichen Regionen sind die Frauenheilkunde und Geburtshilfe ein unverzichtbarer Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge.
Eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung entsteht dabei nicht durch institutionelle Abgrenzung, sondern durch sektorübergreifende Netzwerke. Krankenhäuser, ambulante Versorgungsangebote, niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sowie Therapeutinnen und Therapeuten müssen interprofessionell und interdisziplinär zusammenarbeiten. Jede Versorgungsform hat ihre spezifischen Stärken – erst im Zusammenspiel entfalten sie ihre volle Wirkung.
Klare Rollen statt Einheitslösungen
Ein leistungsfähiges Gesundheitssystem braucht klare Rollen. Hochschul- und Universitätskliniken entwickeln neue, häufig kostenintensive Verfahren und Therapien. Regionale Fachkliniken – wie der Standort Varel – können diese gemeinsam weiterentwickeln, standardisieren und in die Fläche bringen. Auf diese Weise werden Innovationen nicht nur medizinisch sinnvoller, sondern auch wirtschaftlich tragfähig.
Niedergelassene Praxen wiederum sichern Kontinuität, Langzeitbetreuung und Wohnortnähe. Erst durch Durchlässigkeit und Kooperation zwischen diesen Ebenen entsteht ein System, das Qualität, Effizienz und Erreichbarkeit miteinander verbindet.
Ambulantisierung als Qualitätsgewinn
Gleichzeitig muss die kostenintensive stationäre Versorgung dort reduziert werden, wo medizinisch sinnvoll und sicher ambulant oder teilstationär behandelt werden kann. Ambulantisierung ist dabei kein reines Sparinstrument, sondern ein Qualitätsgewinn – vorausgesetzt, sie wird strukturiert geplant, ausreichend finanziert und gut vernetzt umgesetzt.
Politische Verantwortung auf kommunaler Ebene
Ein Nein zum Kreishaushalt hätte diese notwendigen Entwicklungsprozesse gefährdet. Deshalb habe ich zugestimmt. Verantwortung bedeutet in diesem Fall nicht, bestehende Strukturen unkritisch zu verteidigen. Verantwortung heißt, medizinische Versorgung zu sichern und zugleich konsequent echte Zukunftslösungen einzufordern.
Erinnerungskultur endet nicht bei Straßenschildern. Verantwortung endet nicht in der Vergangenheit. Sie beginnt hier und jetzt – mit der Bereitschaft, alte Denkweisen zu hinterfragen und die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum so zu gestalten, dass sie den Menschen heute und morgen gerecht wird.