straßenschild hindenburgstraße varel

Zwischen Umbenennung und Kontextualisierung:
Mein Redebeitrag zu zwei Straßennamen

Am 18. Dezember 2025 habe ich als Ratsfrau von Bündnis 90/Die Grünen im Rat der Stadt Varel zum Umgang mit der Hindenburgstraße und der Kommodore-Bonte-Straße gesprochen. Die Debatte drehte sich formal um zwei Anträge zur Straßenumbenennung – tatsächlich ging es jedoch um grundsätzliche Fragen grüner Politik: um Verantwortung, um den Umgang mit Geschichte und um eine demokratische Erinnerungskultur im öffentlichen Raum.

Als Grüne streiten wir seit jeher darüber, wie Erinnerung sichtbar, kritisch und zugleich gesellschaftlich anschlussfähig gestaltet werden kann. In meinem Redebeitrag habe ich bewusst dafür geworben, nicht nur in Kategorien von Umbenennung oder Beibehaltung zu denken, sondern neue Wege der Kontextualisierung und Erklärung mitzudenken. Erinnerung darf aus meiner Sicht nicht vereinfacht oder geglättet werden – sie muss irritieren, erklären und zum Nachdenken anregen.

Ich veröffentliche diese Rede hier, weil ich überzeugt bin, dass solche Fragen nicht allein im Rat entschieden werden sollten. Sie gehören in die Stadtgesellschaft, in die öffentliche Debatte – und auch in eine offene innergrüne Diskussion darüber, wie wir unserer historischen Verantwortung heute gerecht werden.

Transparenzhinweis

Der folgende Text entspricht meinem vorbereiteten Redebeitrag, den ich in der Ratssitzung am 18. Dezember 2025 vollständig gehalten habe. Inhaltlich wurde nichts verändert. Es können ggf. kleine sprachliche Anpassungen in dem wörtlich Beitrag erfolgt sein.

Rede im Wortlaut

Einleitung

Sehr geehrter Ratsvorsitzender,
sehr geehrter Bürgermeister,
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Anwesende,

lassen Sie mich mit einer Frage beginnen: Was passiert mit unserer Geschichte, wenn wir sie einfach aus dem Stadtbild entfernen? Heute sprechen wir nicht nur über Straßennamen. Wir sprechen darüber, wie wir mit unserer Vergangenheit umgehen – sichtbar oder verdrängt. Und wir sprechen darüber, wie wir Demokratie leben – jeden Tag, in unserer Stadt, in unserem Alltag.

Die Hindenburgstraße trägt ihren Namen seit vielen Jahrzehnten. Seit vielen Jahren wird über ihre Umbenennung diskutiert – vertagt, verschoben, ausgesessen. Heute führen wir die Debatte öffentlich. Aber entscheidend ist nicht ob, sondern wie wir erinnern.

Die Grüne Fraktion hat die Umbenennung beantragt. Ich schlage einen erweiterten, zeitgemäßen grünen Weg vor: Erinnerung braucht Sichtbarkeit, nicht Unsichtbarmachung. Fragen Sie sich einmal: Wenn wir Namen wie Hindenburg oder Kommodore Bonte einfach entfernen – was bleibt dann noch als Erinnerung? Geschichte wird nicht leichter. Sie wird entzogen.

Neue Wege der Kontextualisierung

Wir können sie markieren. Wir können sie erklären. Wir können sie begreifbar machen.

Und das ist kein Wunschtraum, sondern bereits begonnen: Die Kontexttafeln und QR-Codes, die erklären, wer diese Menschen waren und was sie in unserer Stadtgeschichte bedeuten, sind bereits vorbereitet und in der Diskussion. Das ist ein klarer, umsetzbarer Ansatz, um Geschichte sichtbar zu machen.

Darüber hinaus können wir diesen Weg erweitern:

  • Kooperationen mit Schulen, Stadt- und Heimatarchiv, um Geschichte lebendig zu machen.
  • Beteiligung der Menschen in unserer Stadt an Projekten, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit erfahrbar gestalten.

Nicht das Verschwinden, sondern das Verstehen stärkt unsere demokratische Urteilskraft.

Und noch eine Frage: Wer von uns würde es verantworten, nur Täter oder Helden in Erinnerung zu behalten?

Gerade hier in Varel wissen wir: Die Mehrheit der Bevölkerung stimmte früh zu, schaute weg oder profitierte. Wer diese Dimension ausblendet, entlastet die Gesellschaft – damals wie heute. Erinnerung muss gesellschaftliche Verantwortung sichtbar machen, nicht nur Schuld einzelner.

Schlusswort

Müssen Straßen Namen nur ehren? Oder können sie auch Mahnung und Lernfläche sein? Ich sage: Ja. Sie können beides sein – und wir sollten diese Chance nutzen. Es geht nicht um schnelle Urteile: „Umbenennung = richtig / Beibehaltung = falsch.“

Wir brauchen eine reflektierte, historisch informierte, demokratisch verantwortbare Entscheidung – keine Abwehr, keine Moralkeule, sondern fundiertes, öffentliches Lernen.

Straßen können Mahnmale sein – nicht nur Ehrenräume. Demokratie zeigt sich nicht im Entfernen schwieriger Vergangenheit. Demokratie zeigt sich im Aushalten, Markieren und Erklären. Öffentlich. Streitbar. Emotional. Lernend.

Ich bitte Sie, diesen Weg ernsthaft zu prüfen. Nicht Symbolbereinigung. Sondern sichtbares Verstehen. Lassen Sie uns die Erinnerung wagen – für unsere Stadt, für unsere Kinder, für unsere Demokratie.

Vielen Dank.

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