Eingangsbereich des Hallenbads Varel – kommunale Sport- und Freizeiteinrichtung

Varel am Wendepunkt – Warum ein Schwimmbad mehr sagt als tausend Haushaltsreden

Hallenbad Varel- Sanierung oder Neubau

Es gibt in jeder Kommune diese Orte, die mehr sind als das, was sie scheinen. In Varel ist es das Hallenbad. Ein unscheinbares Gebäude, technisch in die Jahre gekommen, mit Charme aus einer Epoche, die längst zu verblassen beginnt. Und doch ist es ein Brennglas – für politische Prioritäten, für kommunale Selbstvergewisserung, für die Frage, wie ernst wir es mit der Zukunft eigentlich meinen.

Seit 2016 begleitet mich dieses Bad durch Beratungen, Haushaltsrunden, durch kleine und große Notmaßnahmen. Immer wieder, zu jedem Jahresende, derselbe Reflex: Hoffen wir, dass die Technik noch einmal durchhält. Dass der nächste Defekt nicht die Wasseraufbereitung trifft. Dass die Reparaturlisten nicht wieder länger werden als der Haushaltsentwurf selbst.

Diese Hoffnung ist bequem. Aber sie ist nicht ehrlich.

Nun hat sich das Zeitfenster geöffnet, das jahrelang verschlossen blieb: Der Bund fördert wieder kommunale Bäder. Nicht großzügig, nicht dauerhaft – aber genug, um einen Schritt zu wagen, den wir viel zu lange gescheut haben. Voraussetzung: eine Machbarkeitsstudie. Eine nüchterne, unabhängige Analyse, die klärt, ob unser Bad saniert werden kann, was das kostet, oder ob ein Neubau am Ende die vernünftigere Lösung wäre.

Es ist eine dieser Situationen, in denen unsere Ratsfrauen und Ratsherren wie auch der Bürgermeister sowie die Stadtverwaltung beweisen müssen, dass sie in der Lage sind, zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu unterscheiden.

Ein Gebäude, das älter wird – und eine Stadt, die wächst

100.000 Euro kostet uns das Bad inzwischen jährlich in der Instandhaltung. Diese Zahl klingt harmloser, als sie ist: Sie steht für Überbrückung, nicht für Erneuerung. Zentrale Systeme erreichen das Ende ihrer Lebensdauer, und die Anforderungen an Schwimmbäder heute sind gestiegen. Vareler Schulen sowie Schulen aus der Region melden steigende Nachfrage nach Schwimmunterricht, Vereine kämpfen um Trainingszeiten, und die Zahl der Nichtschwimmer*innen nimmt bundesweit zu. Laut einer DLRG/Forsa-Umfrage können ca. 20 % der Grundschulkinder nicht schwimmen, und dieser Anteil ist in den letzten Jahren sogar gestiegen (DLRG/Forsa, 2022).

Gleichzeitig wächst die Zahl älterer Menschen in Varel, die ein Bad als Teil gesundheitlicher Daseinsvorsorge nutzen. Ein Bad, das nur gerade so funktioniert, wird diesen Bedarfen nicht gerecht.

Sanierung – ökologisch sinnvoll, aber begrenzt

Grüne Politik bevorzugt Sanierung: Jede Tonne Beton, die nicht neu gegossen wird, spart Energie und CO₂. Laut DGNB verursacht eine energetische Sanierung bis zu zwei Drittel weniger graue CO₂-Emissionen als ein Neubau (DGNB, 2021). Das Umweltbundesamt bestätigt, dass die Vermeidung von Neubauten erhebliche Emissionen einspart (Umweltbundesamt, 2020).

Doch auch die beste Sanierung verlängert die Lebensdauer nur um 10 bis 20 Jahre. Moderne Lüftungs- und Wassertechnik lassen sich integrieren, erreichen aber nicht die Energieeffizienz eines Neubaus. Studien der RWTH Aachen (Projekt „EnOB: EnergieeffBäder“, 2019) zeigen, dass Verdunstungsreduzierung und moderne Lüftungssysteme den Energieverbrauch deutlich senken können.

Neubau – zukunftssicher, aber teuer

Ein Neubau könnte 40 bis 50 Jahre dienen, energieeffizient arbeiten, Wärme rückgewinnen, Photovoltaik integrieren und den Betrieb flexibler gestalten. Laut KfW und kommunalen Spitzenverbänden ist ein Neubau ohne Fördermittel für viele Kommunen wie Varel jedoch nicht finanzierbar; der Bund bietet zwischen 45 % und 75 % Zuschuss (Deutscher Bundestag, 2023). Fördermittel sind für uns entscheidend, aber keine Einladung zu Verschwendung.

Die Machbarkeitsstudie -
ein Verfahren, das Fakten statt Vermutungen liefert

Diese Studie ist nicht der Beginn eines Neubaus – und nicht das Ende der Sanierung. Sie ist das Werkzeug, das die Debatte endlich vom Bauch auf die Beine stellt.

für unsere Stadt:

  • den baulichen Bestand und technische Lebensdauer
  • Sanierungs- und Neubauvarianten
  • graue und betriebliche Emissionen
  • Investitions- und Betriebskosten über 30–50 Jahre
  • Personalbedarf, Energieverbrauch, Rücklagen
  • und vor allem, welches Modell den Bedürfnissen der Vareler Bürger*innen gerecht wird

Sie ist das, was wir in der Politik so oft scheuen: ein Blick in die Realität.

Varel als Beispiel für nachhaltige Kommunalpolitik

Was sich in unserem Bad zeigt, gilt für die gesamte Stadtpolitik: Klimaschutz und nachhaltige Investitionen sind keine Frage von Ideologie, sondern von Verantwortung. Wer langfristig denkt, muss langfristig rechnen; wer nachhaltig handelt, muss schwierige Abwägungen treffen – Ressourcenverbrauch, Lebenszykluskosten, soziale Teilhabe.

Laut VKU ist mehr als die Hälfte der Hallenbäder in Deutschland sanierungsbedürftig (VKU/ZEIT, 2022). Wir in Varel müssen Fördermöglichkeiten klug nutzen und ökologisch wie wirtschaftlich verantwortungsvoll handeln.

Mut zur Entscheidung

Mut bedeutet nicht, sofort zu entscheiden. Mut bedeutet, sich der Verantwortung zu stellen, ökologische Überzeugung mit wirtschaftlicher Vernunft zu verbinden. Varel steht an einem Wendepunkt: Verzögern wir – oder gestalten wir? Heben wir nur das Alte – oder entwickeln wir Neues?

Die Machbarkeitsstudie ist kein Sieg, keine Niederlage. Sie ist Ausdruck unserer politischen Verantwortung – ein Schritt, den Varel jetzt bewusst gehen muss: ökologisch, ökonomisch und sozial verantwortlich.

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