Zentralisieren um jeden Preis?
Warum gute Geburtshilfe in Friesland nicht vom Reißbrett aus gedacht werden darf
Wenn in Berlin, in Ministerien oder Thinktanks über die Zukunft der Geburtshilfe gesprochen wird, fallen schnell große Worte: Qualität, Spezialisierung, Effizienz. Gemeint ist meist dasselbe – weniger Standorte, größere Kliniken, mehr Zentralisierung. Für Regionen wie den Landkreis Friesland klingt das zunächst abstrakt. Doch die Folgen dieser Debatte sind hier sehr konkret.
Denn Geburtshilfe ist keine theoretische Strukturfrage. Sie beginnt nicht in Gutachten, sondern im Kreißsaal. Und der liegt für viele Familien in Friesland und der angrenzenden Wesermarsch in Varel.
Varel ist kein „kleiner Standort“ – sondern ein regionales Zentrum
Die Geburtshilfe in Varel passt nicht in das gängige Narrativ vom angeblich unsicheren und strukturell defizitären ländlichen Fachkrankenhaus. Mit 700 Geburten im Jahr liegt die Klinik deutlich über der häufig zitierten Schwelle von 500 Geburten. Sie ist als Level-IV-Klinik durch PeriZert GmbH zertifiziert und erfüllt damit nachweislich hohe strukturelle und personelle Anforderungen.
Vor allem aber: Sie funktioniert. Für Frauen aus dem gesamten Landkreis Friesland – und darüber hinaus – ist Varel gut erreichbar, verlässlich, bekannt. Wer hier entbindet, tut das nicht aus Mangel an Alternativen, sondern bewusst. Nähe ist kein Nebenaspekt, sondern Teil der Versorgungsqualität.
Zentralisierung verspricht Qualität – liefert sie aber nicht automatisch
Befürworter einer stärkeren Zentralisierung argumentieren, größere Zentren seien sicherer. Für bestimmte Hochrisikogeburten ist das unbestritten. Niemand stellt infrage, dass extrem früh geborene Kinder oder schwere maternale Erkrankungen in spezialisierten Zentren besser aufgehoben sind.
Doch der entscheidende Punkt wird in der Debatte oft unterschlagen: Die große Mehrheit der Geburten ist niedrig riskant. Für diese Geburten gibt es keine belastbare Evidenz, dass sie in hochspezialisierten Zentren bessere Outcomes haben als in gut ausgestatteten regionalen Kliniken.
Im Gegenteil: Große Zentren kämpfen schon heute mit Überlastung, Personalmangel und eingeschränkter Betreuungsintensität. Eins-zu-eins-Betreuung durch Hebammen, Kontinuität, Zeit – all das ist in kleineren und mittleren Häusern oft besser zu gewährleisten als in Maximalversorgern am Limit.
Längere Wege sind kein Qualitätsgewinn
Wer Zentralisierung fordert, muss erklären, was sie für die Menschen vor Ort bedeutet. In Friesland heißt das: längere Anfahrtswege, mehr Abhängigkeit vom Auto, mehr Stress in einer ohnehin vulnerablen Situation. Bei winterlichen Straßenverhältnissen, nachts oder bei schnellen Geburtsverläufen wird aus der theoretischen „Erreichbarkeit in 40 Minuten“ schnell ein reales Risiko.
Versorgungssicherheit bemisst sich nicht nur an Technik, sondern auch an Erreichbarkeit. Eine Geburt unterwegs ist kein Fortschritt.
Teurer – aber nicht besser
Ein Aspekt, der selten offen benannt wird: Würden alle Geburten in hochspezialisierten Zentren stattfinden, würden sie teurer. Diese Kliniken müssen rund um die Uhr Intensivstrukturen, Fachärzt:innen und Technik vorhalten – auch für komplikationslose Geburten. Das ist medizinisch nicht notwendig und ökonomisch ineffizient.
Warum sollte eine gesunde Frau mit unkomplizierter Schwangerschaft zwangsläufig in einer Umgebung entbinden, die für das Worst-Case-Szenario ausgelegt ist?
Was Friesland braucht, ist kein Abbau – sondern Vernetzung
Die Alternative zur unkoordinierten Zentralisierung liegt auf der Hand: ein regional abgestimmtes Versorgungssystem, in dem Kliniken wie Varel eine klare Rolle spielen. Basis- und Regelversorgung vor Ort, enge Kooperation mit Perinatalzentren, verbindliche Verlegungswege, gemeinsame Fort- und Weiterbildung.
Genau das fordern Fachgesellschaften seit Jahren. Und genau das fehlt bislang in der politischen Umsetzung.
Qualität entsteht nicht durch Entfernung
Geburtshilfe lebt von Vertrauen, Kontinuität und Kompetenz. Varel steht exemplarisch für eine funktionierende ländliche Versorgung, die Qualität und Nähe verbindet. Wer solche Standorte leichtfertig infrage stellt, riskiert nicht nur Versorgungslücken, sondern auch das Vertrauen der Menschen in ein solidarisches Gesundheitssystem.
Zentralisierung kann sinnvoll sein – dort, wo sie medizinisch geboten ist. Als pauschales Rezept taugt sie nicht. Gerade in Regionen wie Friesland gilt: Gute Geburtshilfe entsteht nicht durch Entfernung, sondern durch kluge Struktur, verlässliche Teams und regionale Verantwortung.
Geburtskliniken in unserer Region
Die Karte zeigt die geburtshilflichen Versorgungsregionen im nordwestlichen Niedersachsen. Grün markiert ist unsere Versorgungsregion Weser-Ems, zu der auch der Landkreis Friesland gehört. Angrenzend dargestellt sind die Versorgungsregion Oldenburg (orange; Bereiche Oldenburg, Wesermarsch und Delmenhorst), die Versorgungsregion Osnabrück (gelb; Teil des Emslands) sowie die Versorgungsregion Elbe-Weser (blau; Teil des Landkreises Cuxhaven).
Eingezeichnet sind alle Geburtskliniken in diesen Regionen, jeweils mit Angabe ihres Versorgungslevels. Die Darstellung ermöglicht es, die Struktur der Geburtshilfe in der Region Weser-Ems einzuordnen und zugleich die Rolle benachbarter Versorgungsregionen bei Verlegungen, Kooperationen und der regionalen Versorgungssicherheit nachzuvollziehen.
Links
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